Studienreihe von TÜV Rheinland und Universität St. Gallen untersucht Umgang mit Daten im Detail / Nutzung von vernetzen Fahrzeugen und anderen smarten Produkten: Verbraucher verhalten sich sehr widersprüchlich

Datentreuhänder sorgen bei Verbraucherinnen und Verbrauchern für mehr Vertrauen in den verlässlichen Umgang mit ihren Daten und erhöhen so ihre Bereitschaft, Daten zu teilen. Durch einen unabhängigen Treuhänder lässt sich ein hoher Datenschutz für Verbraucher auch mit der Datennutzung durch Unternehmen vereinbaren. Das zeigt eine aktuelle Studienreihe zu Datenschutz und Datenweitergabe bei vernetzten Fahrzeugen sowie smarten Geräten. Gemeinsam mit TÜV Rheinland untersuchte das Institut für Customer Insight (ICI) der Universität St. Gallen hierfür in einer sechsteiligen Studienreihe – neben qualitativen Interviews eine Onlinebefragung, ein Laborexperiment sowie drei Onlineexperimente –, unter welchen Voraussetzungen Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland persönliche Daten weitergeben würden. Im Fokus der Verbraucherstudien steht der Umgang mit Daten bei vernetzten Fahrzeugen sowie beispielsweise Smartphones und smarten Lautsprechern.

Widersprüchliches Verbraucherverhalten

„Beim Umgang mit Daten verhalten sich viele Verbraucher widersprüchlich. Viele betonen, wie wichtig ihnen Datenschutz ist. Andererseits ist das Wissen um die Vielzahl der Daten, die beispielsweise aktuelle Fahrzeugmodelle sammeln, und wofür diese verwendet werden, sehr gering. Bei modernen Autos gilt wie bei anderen smarten Produkten in der digitalen Welt: Datenschutz ist Verbraucherschutz“, sagt Dr. Matthias Schubert, als Executive Vice President Mobility verantwortlich für das weltweite Mobilitätsgeschäft von TÜV Rheinland. Viele Autofahrende machten sich offenbar nicht bewusst, dass die meisten Fahrzeuge ebenfalls smarte Geräte sind und bereits heute eine Vielzahl von Daten produzieren und beispielsweise an die Hersteller weiterleiten. „Die von Fahrzeugen erzeugte Datenmenge wird durch automatisiertes und vernetztes Fahren rasch weiter zunehmen. Ein Umgang mit diesen Daten, der Vertrauen schafft, wird daher immer wichtiger – für Hersteller und Verbraucher“, so Schubert weiter.

Damit die Datennutzung und die darauf beruhenden digitalen Services dauerhaft akzeptiert werden, müssten Verbraucherinnen und Verbraucher in den Schutz ihrer Daten vertrauen können, ist Matthias Schubert überzeugt.

Unabhängige Datentreuhänder als mögliche Lösung

Eine mögliche Lösung in diesem Konflikt: ein Datentreuhänder. Dieser Treuhänder sorgt als neutrale Instanz dafür, dass die Datenfreigaben des Nutzers eingehalten und alle anderen Daten anonymisiert werden, bevor sie an Hersteller oder weitere Interessierte weitergeleitet werden. Inwiefern ein solcher Treuhänder das Vertrauen auf Seiten der Verbraucher tatsächlich erhöht, sollte die Studienreihe klären.

Die Forschungsergebnisse der Universität St. Gallen zeigen, dass dies offenbar der Fall ist: „Eine unabhängige dritte Partei als Datentreuhänder sorgt für signifikant mehr Vertrauen auf Seiten der Verbraucherinnen und Verbraucher in den verlässlichen Umgang mit ihren Daten – und zwar unabhängig davon, ob es beispielsweise um Daten aus vernetzten Fahrzeugen oder von Smartphones geht“, sagt Professor Andreas Herrmann, Direktor am Institut für Customer Insight der Universität St. Gallen. Wenn dieses Vertrauen gegeben ist, sind Verbraucher den Forschungsergebnissen der Hochschule zufolge auch eher bereit, die Daten zu teilen. „Ein Treuhändermodell bietet denjenigen, die mit den Daten bedarfsgerechte Services entwickeln und anbieten wollen, mehr Möglichkeiten und eine bessere Grundlage für ihr Geschäft“, sagt Herrmann.

Ausgewählte Ergebnisse

Die Online-Befragungen, Experimente und Analysen für die Studienreihe fanden zwischen Herbst 2019 und Sommer 2020 statt. Ein zentrales Ergebnis: Zwar messen die Verbraucherinnen und Verbraucher dem Datenschutz eine hohe Bedeutung zu. In der Online-Befragung mit 500 Teilnehmenden landet Datenschutz auf einer Skala von 1 (überhaupt nicht wichtig) bis 7 (sehr wichtig) bei 6,17. Andererseits ist mehr als 80 Prozent der Befragten bewusst, dass Daten aus ihrem Produkt an die Hersteller übertragen werden.

Gefragt nach dem Wert ihrer Daten, würden die Befragten personenbezogene Daten ihres smarten Geräts außerdem für nur 10 Euro monatlich mit dem Hersteller teilen. „Ein deutlicher Hinweis auf das in der Wissenschaft so genannte ‚Privacy Paradoxon‘, also das widersprüchliche Verbraucherverhalten beim Datenschutz“, sagt Professor Herrmann. Zudem zeigt sich in der Studienreihe, dass mehr als ein Drittel der Fahrzeugbesitzer (35,6 Prozent) ihr Fahrzeug nicht als „Connected Car“ sehen – obwohl nahezu sämtliche Fahrzeugmodelle bereits seit vielen Jahren Daten austauschen.

Ebenfalls klar ist das Ergebnis dazu, welche Art von Datentreuhänder für mehr Vertrauen sorgen würde. Hier stellt die Studienreihe einen signifikanten Unterschied fest: Die Befragten vertrauen am meisten in die Sicherheit ihrer Daten, wenn ein unabhängiger Dritter wie beispielsweise TÜV Rheinland als Treuhänder eingesetzt wird, am wenigsten, wenn diese direkt an den Hersteller übertragen werden. Der Staat oder ein Telekommunikationsunternehmen als Treuhänder schneiden in Bezug auf Vertrauen in die Sicherheit der Daten ebenfalls schlechter ab als ein TÜV-Unternehmen.

Bereitschaft zum Teilen hängt von Art der Daten ab

In allen Studien zeigt sich, dass Verbraucherinnen und Verbraucher bei der Bereitschaft, Daten zu teilen, zwischen Datenarten unterscheiden. Besonders gering – aber dennoch vorhanden – ist die Bereitschaft zum Teilen der Daten bei Passwörtern und Login-Daten, besonders hoch hingegen bei Daten zur Mediennutzung und dem Nutzungsverhalten bei Apps.

Im Laborexperiment zeigt sich zudem, dass viele Verbraucherinnen und Verbraucher ihre Daten bereits für relativ geringe Summen zur Verfügung stellen würden. Die Teilnehmenden geben beispielsweise an, Mediendateien wie Fotos und Videos für 1.000 Euro jährlich teilen zu wollen. Für 3.500 Euro jährlich würden sie sogar Passwörter und Login-Daten teilen. „Je nach Art der Daten können bis zu 90 Prozent derjenigen, die zuvor angegeben hatten, Daten nicht teilen zu wollen, durch eine vergleichsweise geringe monetäre Vergütung doch noch davon überzeugt werden“, sagt Herrmann. „Hieraus lässt sich schlussfolgern, dass Verbraucherinnen und Verbraucher den Wert ihrer Daten offenbar nur schwer einschätzen können. Ein Treuhändermodell kann ihnen helfen, diesen Wert zu erkennen – und so letztlich auch angemessen an der Nutzung beteiligt zu werden.“

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